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Der Schatten des Erbfeinds

Die Burg gefiel Heinrich, seit er sie das erste Mal gesehen hatte. Er spielte mit dem Gedanken, hier sein Quartier aufzuschlagen, jetzt, da die bisherigen Besitzer vertrieben waren. Seine Augen fielen auf die große Obstbaumwiese vor der Zugbrücke der Festung. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Alles sah hier überaus gepflegt und wohl bestellt aus. Die De Manuels mussten gut gewirtschaftet haben. Oder zumindest hatten sie einen fleißigen Vogt gehabt, der das Eigentum seines Herren gut verwaltet hatte. Heinrich schaute auf den hügeligen Weg, der nach Südosten führte und den die Franzosen genommen hatten. Mittlerweile waren die Besiegten den Blicken der Engländer entschwunden. Er legte die linke Hand an sein Kinn und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Nase; eine Geste, die er jedes Mal unwillkürlich machte, wenn er intensiv nachdachte. Er konnte nicht umhin, sich einzugestehen, dass er von dem Burgherrn hinters Licht geführt worden war. Er zwinkerte mit den Augen. Insgeheim zollte er Robert De Manuel Respekt. Dieser hatte ihn bei den Verhandlungen zur Übergabe der Festung über die Zahl der noch lebenden Verteidiger getäuscht. Wäre dem Herzog bekannt gewesen, dass nur noch eine Handvoll Bewaffneter am Leben war, niemals hätte er Verhandlungen zugestimmt. Doch, so überlegte der Herzog, er hätte in dieser Lage vermutlich genauso gehandelt. Jetzt aber war es vorbei und die Burg gehörte ihm. Ihn beschäftigte nunmehr die Frage, ob der Hinweis stimmte, den er im vergangenen Sommer in Crécy auf dem Schlachtfeld erhalten hatte. Ein französischer Soldat der Fußtruppen hatte, kurz bevor er an den Folgen eines Schwerthiebes gestorben war, einem Feldgeistlichen von einzigartigen Reliquien berichtet, die in der Saintonge tief in den Kellern einer Festung versteckt sein sollten. Der Geistliche wiederum war von diesen letzten Worten des Soldaten zutiefst aufgewühlt gewesen. Er hatte nach der Schlacht um Vorsprache bei Heinrich von Lancaster ersucht. Das, was der Priester dem Herzog voller Erregung und untermalt mit dramatischen Gesten erzählt hatte, beschäftigte den Heerführer seitdem unablässig und war nicht zuletzt der Grund dafür gewesen, dass er sich an die Eroberung der Burgen entlang der Küste gemacht hatte. Eine glückliche Fügung für den Herzog war es gewesen, dass der Geistliche am darauffolgenden Tag von einem verirrten Pfeil eines französischen Bogenschützen in den Hals getroffen und binnen kurzer 9


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