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Der Schatten des Erbfeinds

Zeit verblutet war, ohne dass er noch ein Wort sprechen konnte. So war nun Heinrich von Lancaster der Einzige, der wusste, welch sagenhafte Dinge sich hier irgendwo verbergen sollten. In jede Festung hatte der Herzog seitdem seine Männer geschickt, in den unterirdischen Verstecken nach ungewöhnlichen Gegenständen zu suchen. Worum es genau ging, behielt er freilich sorgsam für sich. Bisher jedoch war jede Suche vergeblich gewesen. Gewiss, sie hatten Familiensilber, kostbar gearbeitete goldene Kelche, ja auch Edelsteine gefunden. Doch das war nicht, wonach es den Herzog verlangte. Auch jetzt, in diesem Augenblick, waren seine besten Kundschafter in der eroberten Burg und suchten. Würden sie die Dinge finden? Die, welche ihm unsterblichen Ruhm einbringen würden? Während der Herzog nachsann, befand sich der Zug der Geschlagenen schon lange außer Sichtweite der siegreichen Engländer. Schweigend zogen die Franzosen ihres Weges. Charles De Manuel war es, der die drückende Stille unterbrach. „Wohin sollen wir uns wenden?“, fragte er besorgt. Sein älterer Bruder schwieg zunächst. Dann antwortete er: „Wir reiten nach Lyon. So Gott will, kommen wir wohlbehalten dort an, ohne in Scharmützel zu geraten. Wie du weißt, hat mir unser Vater Nicolas südwestlich davon ein kleines Landgut hinterlassen. Es liegt im Süden außerhalb der Stadt und wird von einem rechtschaffenen Meier verwaltet.“ Er wandte sich um. Als sein Blick seine hinter ihnen reitende Familie streifte, nickte er ihnen aufmunternd zu. Dann wanderten seine Augen weiter zu den gleichmütig dahin trottenden Schafen. Seine Mundwinkel zuckten. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und nahm den mit der Plane gedeckten Karren in Augenschein, der von den beiden kräftigen Pferden stoisch über den schlechten unebenen Weg gezogen wurde. Leider war es ihm nicht gelungen, über die fünf Esel erfolgreich zu verhandeln, die die Belagerung überlebt hatten. Nun, zumindest hatte er drei Poitevin-Pferde mitnehmen können. Hoffentlich konnte er sie heil nach Lyon bringen. Er schickte ein stummes Stoßgebet zum Himmel und wandte sich erneut seinem Bruder zu. „Das Gut bei Lyon ist weit genug entfernt von den Schlachtfeldern. Mit Gottes Hilfe wird es uns und unser Gesinde ernähren, wenn wir es klug bewirtschaften. Dort wollen wir unsere Kräfte sammeln und uns zum nächsten Kampf rüsten.“ 10


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