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Der Schatten des Erbfeinds

John machte zögerlich ein paar Schritte. Rechter Hand sah er einige kleine Felsen, die bis ans Ufer des Flusses reichten. Auch dieses Ufer war mit Sand, Felsgestein und Treibholz auf beiden Seiten des Gewässers täuschend echt nachgebaut. John warf einen Blick über die Brücke. Ihm stockte der Atem. Auf der anderen Seite erstreckte sich eine bergige Landschaft. Der Boden, auf dem sie standen, wandelte sich in einen Weg, der über die Brücke in diese Berge führte. Johns Augen wanderten ungläubig über die Landschaft. Jetzt wurde ihm auch klar, warum die Treppe, die sie hinabgestiegen waren, so breit war. Unmengen an Material musste der Erbauer heruntergeschafft haben, um diese Welt zu gestalten. Und es musste einen anderen Weg hier herunter geben. Niemals wäre es möglich gewesen, die Steine, Felsen und alles andere durch diese langen Gänge herunterzuschaffen. John betrachtete wieder die Szenerie. Dort hinten, wo der Saal enden musste, war dem unbekannten Künstler mit einer ausgefeilten Maltechnik der kaum bemerkbare Übergang von der begehbaren Landschaft in eine gemalte Szenerie gelungen. Auch die Proportionen erschienen verblüffend realistisch. John sah Pinienwälder, die sich in weiter Ferne erstreckten. Davor erblickte er vereinzelte Gestalten, die mit Eseln ihre Äcker pflügten. Am Horizont waren Bergketten zu sehen. John erkannte fassungslos, wie auf einem Pfad eine Kohorte römischer Legionäre aus der Ferne heran zu eilen schien. Obwohl die Soldaten weit entfernt waren, konnte er jede Einzelheit erkennen: Die angestrengten verkniffenen Gesichter, die vom langen Marsch erschöpft schienen. Die Lanzen, die in verkrampften Händen gehalten wurden. Die Rüstungen, die im Sonnenlicht glänzten. Im Sonnenlicht? John blinzelte. Tatsächlich, jetzt erst fiel ihm auf, dass ihre Fackeln, die sie bei sich trugen, hier nicht erforderlich waren. Unterhalb der Decke ragten über die gesamte Länge des Raumes in regelmäßigen Abständen mehrere breite steinerne Quader aus der Mauer. Von manchen verborgenen Nischen dahinter, so schien es, fiel Licht in diese unter der Erde liegende Landschaft. John verkniff sich ein zufriedenes Lächeln. Er hatte recht gehabt. Es schien nur so, als läge dieser Saal unendlich tief unter der Burg. Da die Festung auf einem veritablen Hügel angelegt war, konnte es ohne weiteres sein, dass sich diese verborgene Welt nur knapp unter der Oberfläche des nahen Meeres befand. Und noch etwas fiel ihm auf: Bei genauem Hinsehen konnte man erkennen, dass der Saal achteckig war. 15


Der Schatten des Erbfeinds
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