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Der Schatten des Erbfeinds

Doch kam er nicht dazu, diese Gedanken seinen Kameraden mitzuteilen. „Jesus!“ Walter hatte keuchend gerufen. Die Augen seiner Kameraden folgten dem ausgestreckten Arm des Kundschafters. Der Weg, der nach dem Überqueren der Brücke in einigen Windungen in die Berge hinaufführte, endete auf einem baumlosen kreisförmigen Platz, der von Felsen umgeben war. Direkt davor stand die Nachbildung eines hüfthohen römischen Wegweisers. Auf dem Platz selbst ragten drei Kreuze auf. ‚Golgatha‘, durchfuhr es John. Hier war die Hinrichtungsstätte mit den drei Kreuzen wiedergegeben. Bis auf diesen eigenartigen Wegweiser war alles so, wie es ihm seit seiner Kindheit immer und immer wieder erzählt worden war. So, wie er es sich vorgestellt hatte. Die beiden äußeren Kreuze befanden sich am Rande des Platzes. An ihnen hing jeweils eine, so schien es, lebensgroße verkrümmte Gestalt, das Gesicht schmerzverzerrt. John sah genauer hin. Die Gestalt, der am linken Kreuz hing, hatte statt der Augen nur noch dunkle Höhlen, aus denen Blut tropfte. Sein Mund war zu stummem Schrei geöffnet. Auf dem Kreuzbalken des Unglücklichen saßen zwei schwarze Raben, die in ihren Schnäbeln die Augäpfel des Geschundenen drehten. Das Holz des Kreuzes war blutverschmiert. Der Mann auf dem rechten Kreuz dagegen schien trotz aller Qualen, die er erleiden mochte, von einem gewissen Frieden erfüllt, als habe er sich in sein Schicksal gefügt. Seine Augen waren auf das Kreuz in der Mitte gerichtet. Als John seine Aufmerksamkeit darauf lenkte, wurde er im Innersten aufgewühlt. An dem Kreuz hing der Erlöser selbst. Lebensgroß und in geradezu unglaublicher Genauigkeit war hier die Gestalt von Jesus Christus nachgebildet. John sah die Nägel, die durch die Handgelenke getrieben waren und die Blutstropfen, die daran hingen. Die Handgelenke? John kannte nur Darstellungen der Kreuzigung, bei denen die Nägel die Handflächen des Heilandes durchbohrten. Doch das war nicht alles. Im Gegensatz zu den üblichen Bildnissen, die er bisher gesehen hatte, waren hier die Füße des Heilandes links und rechts des Kreuzstammes angenagelt worden. ‚Vier Nägel statt drei´, war das Erste, was ihm kurioserweise dazu einfiel. Er schalt sich dieses Gedankens. Johns Augen wanderten die Beine des Heilandes hinauf. Tiefe Wunden zeugten von den Peitschenhieben, die Jesus während der Passion erlitten hatte. Das Lendentuch wies zahlreiche Blutflecken auf. Auch der 16


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