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Der Schatten des Erbfeinds

Oberkörper des Erlösers war gerade schmerzhaft genau gestaltet. Jede einzelne Rippe zeichnete sich unter der geschundenen, gepeitschten Haut ab. Der Korpus war mit Wunden übersät. Die Spitze einer Lanze ragte vor dem Körper auf und schien sich jeden Moment in die Seite des Gekreuzigten bohren zu wollen. Die Dornenkrone war tief in die Stirn von Jesus gedrückt und das Gesicht war blutüberströmt. Die Dornenkrone? John stutzte. Auch diese Krone war nicht so wie in der Überlieferung wiedergegeben. Vielmehr sah es so aus, als trüge der Heiland eine Art Helm aus Dornen. Einen Helm? John war über dieses Detail so überrascht, dass ihm nicht sogleich auffiel, dass der Kopf des Erlösers nicht auf seine Brust gesunken war. Dann aber traf es ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Der unbekannte Künstler hatte Jesus so dargestellt, dass er mit geöffneten dunklen Augen den Betrachter eindringlich ansah. John erstarrte. „Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen“, flüsterte er unwillkürlich. So hatte der fromme Simeon im Tempel zu Jerusalem zur Heiligen Maria, der Mutter Gottes, gesagt und der Evangelist Lukas hatte es in Kapitel 2, Vers 35 niedergeschrieben. Nun schien es John, als würde er selbst bei diesem Anblick von einem Schwert im Innersten getroffen. Denn Jesus Christus schien ihm direkt in die Augen zu sehen. John fühlte sich mit einem Mal schuldig. Er empfand Schuld bei dem Gedanken, Dörfer und Städte ausgekundschaftet zu haben, um es seinen Kameraden zu ermöglichen, diese Ansiedlungen zu erobern, zu plündern und zu brandschatzen. Ein unfassbares Gefühl der Beklemmung erfüllte ihn und ließ ihn den Atem anhalten. Er zwang sich, den Blick abzuwenden. Mühsam ordnete er seine Gedanken. Er war Soldat und es herrschte Krieg. Er gehorchte nur Befehlen. John richtete seinen Blick auf die Lanze. Hellglänzend und beidseitig scharf geschliffen, so erschien ihm die eiserne Spitze. Der Schaft der Lanze war allem Anschein nach geölt worden. Die Figur, die die Lanze hielt, war ein Offizier. Mit konzentriertem Gesicht und zusammengekniffenen Augen sah es so aus, als wolle er gerade zustechen, um sich davon zu überzeugen, dass Jesus gestorben war. Dies musste der Hauptmann Longinus sein. Unter dem Kreuz neben dem Hauptmann saßen vier Legionäre beim Würfelspiel. Auf einem Stein daneben, lag ein Mantel. ‚Sie werfen das Los über sein Gewand‘, dachte John mit Beklemmung. Seine Augen wanderten zu der Darstellung zweier Frauen, die unter dem Gekreuzigten standen. 17


Der Schatten des Erbfeinds
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