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Der Schatten des Erbfeinds

Eine Frau mit langen lockigen Haaren, dunklen warmen Augen und feingliedrigen Händen trug fließende rote Kleider, unter denen sich ihre anmutige Gestalt erahnen ließ. An ihrer Schulter lehnte eine andere dunkelhaarige, schon ältere Frau, die in dunkles Tuch gekleidet war. Sie schien herzzerreißend zu weinen. Von ihrem Haupt ging ein eigentümlicher Glanz aus. ‚Das müssen Maria Magdalena und die Heilige Maria, die Mutter Gottes, sein‘, schoss es durch Johns Kopf. Neben diesen Frauen sah er zwei Männer. Einer von ihnen, ein stämmiger Mann mit dunkelbraunem Vollbart starrte mit geballten Fäusten voller Wut auf die würfelnden Soldaten, sich seiner Ohnmacht bewusst. Sein Begleiter war schlank, hatte hellbraune lange Haare und ein feines bartloses Gesicht. Er wandte sich gerade den Frauen zu. John fragte sich, ob es sich dabei um die Apostel Jakobus und Johannes handeln mochte. Doch waren diese beiden bei der Kreuzigung gemeinsam zugegen gewesen? Stand nicht in der Bibel, dass bis auf Johannes alle Jünger zuvor geflohen waren? „Judas! Dort ist Judas!“ Andrews Ruf unterbrach Johns Gedanken. Sein Kamerad zeigte auf eine Darstellung abseits der Kreuzigungsszene. An einem verdorrten Baum hing eine Gestalt mit einer Schlinge um den Hals. Der Leib des Gehängten war in der Mitte aufgerissen und die Gedärme hingen heraus. Die Augen im schwarzbärtigen Gesicht waren aus den Höhlen getreten und die Zunge des Verräters grotesk hervorgestreckt. Schon flog ein Schwarm Raben zu dem Toten, sich an ihm gütlich zu tun. Johns Augen wurden vom nächsten Detail gefesselt. Unweit des Pfades, auf dem die römische Kohorte heraneilte, war eine Höhle dargestellt, vor der ein großer Stein lag. ‚Das Grab des Heilandes‘, dachte John. ‚Die Grabstätte, die Joseph von Arimathäa gehörte und in die er den Leichnam Christi nach der Abnahme vom Kreuz legen ließ‘. John stutzte. Die vermeintliche Grabhöhle stellte sich als ein weiteres Loch in der Wand heraus. Auch hier war wie unten beim Fluss kaum wahrnehmbar ein Gitter eingelassen. Was sollte das nur bedeuten? John runzelte die Stirn. Er trat an das künstliche Ufer des Flusses und sah sich das Gewässer noch einmal an. Jetzt erst fiel ihm auf, dass das Wasser in dem Flussbett nicht in Bewegung war, sondern stand. Irgendetwas stimmte hier nicht. Wozu diente diese Nachbildung der Kreuzigung Christi? Ein Gefühl der Bedrohung stieg in John auf. ‚Wir sollten nicht hier sein‘. dachte er. ‚Nur hinfort von diesem geweihten Ort‘. Er zog sicherheitshalber seinen Dolch aus dem Gürtel und drehte ihn in den Händen. Auf dem Griff war ein irisches Kreuz in einem Ring aus 18


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