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Der Schatten des Erbfeinds

stilisierten Lorbeerblättern eingraviert. Er hatte es von seinem Vater erhalten, als er in den Krieg zog. Der Dolch lag bestens in der Hand und nicht nur beim Nahkampf, sondern auch beim Werfen auf Angreifer hatte er ihm schon oft gute Dienste geleistet. Oliver Ingram beneidete ihn um diese hervorragende Waffe und John hatte ihm versprochen, sollte er im Krieg fallen, dann würde er sie erhalten. Er blickte zurück und bemerkte, dass links von dem Eingang, durch den sie gekommen waren, ebenfalls einige Säulen den Vorraum zu einem Haus darstellen sollten. Sie standen dicht an dicht und auch der Abstand zwischen den mittigen Säulen, der einen Zugang zum Vorraum gestattete, war so schmal, dass gerade ein stämmiger Mann hindurchpasste. Der Vorraum endete an der Wand, in die eine schwere zweiflügelige Türe eingelassen war. John überlegte. Etwas stimmte nicht. Er drehte sich um, sah noch einmal zur Schädelstätte und wandte sich wieder der Türe zu. In der Tat, sie war so hoch angebracht, dass die Unterkante des Rahmens auf gleicher Höhe wie die Sockel der Kreuze war, an die Jesus und die Schächer geschlagen waren. Die Türblätter schienen überaus stark zu sein. John sah genauer hin und wunderte sich, dass diese wohl nach außen hinaufschwingen sollten. Mehrere U-förmige Eisen waren in der Mitte der Türe eingeschlagen. Durch sie verlief eine dicke eiserne Stange, die sich in einer Öffnung nach oben verlor. Es sah so aus, als könne die Türe nur geöffnet werden, wenn die Stange von irgendwo oben herausgezogen würde. Neben der verriegelten Türe führte eine Wendeltreppe zu einem Balkon mit einer Balustrade hinauf. Der Balkon wurde von steinernen Säulen gestützt. Er trat einige Schritte zurück bis zum Flussufer und ließ seinen Blick umherschweifen. Mit zunehmender Bewunderung erkannte er, dass der Künstler hier die Stadt Jerusalem nachgebildet hatte. Die Hausmauer mit der zweiflügeligen Türe war hervorgehoben und der Balkon darüber diente dazu, einen besseren Überblick zu haben. Sogar ein Turm, zu dem eine weitere, deutlich schmalere Steintreppe entlang der Wand führte, ragte in halbem Rund links vom Balkon heraus. Von hier schien ein Teil des Lichtes zu kommen, das den Raum erhellte. Mit einem Mal war John klar, dass hier Messen stattfinden mussten. Vermutlich gab es, wie auf nahezu allen Burgen, eine Kapelle, in der der Burgkaplan für die Dienerschaft und die Besatzung die Messe las. Doch anstatt einer weiteren kleinen Kapelle nur für den Burgherrn und seine Familie zu errichten, war diese Welt tief unter der Erde geschaffen worden. 19


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