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Der Schatten des Erbfeinds

Und auf dem Balkon fand sich vermutlich De Manuel mit seinen Angehörigen ein, wenn die Messe für die Familie gelesen wurde. Der Turm wiederum stellte eine überdachte Kanzel dar, von der gepredigt wurde. Und John musste zugeben: Keine Kirche, ja nicht einmal die Kathedralen, die er aus England kannte oder hier in Frankreich gesehen hatte, konnten es mit diesem Saal aufnehmen. Es war tatsächlich so, als sei der Besucher wie mit Zauberhand gleichsam durch die Zeit gereist und mitten in der Welt Christi angelangt. Unwillkürlich atmete er auf und steckte seinen Dolch wieder in den Gürtel. Natürlich, der Burgherr Robert De Manuel war zutiefst religiös. Er hatte, soweit John erfahren hatte, bei den Verhandlungen zur Übergabe der Burg eindringlich an die christliche Nächstenliebe und die Barmherzigkeit des Herzogs appelliert. Obwohl Heinrich von Lancaster ansonsten ein hartgesottener Feldherr war, so war er doch von diesem tiefen Glauben beeindruckt gewesen. Alle Bauern mit ihren Familien hatten unbehelligt fliehen dürfen. Auch die wenigen Überlebenden der Burg hatten freies Geleit erhalten und sogar ein paar Pferde, Schafe, Gepäck und ein Fuhrwerk mit persönlicher Habe mitnehmen dürfen. Dieses ungewöhnlich großzügige Verhalten des Herzogs war wie ein Lauffeuer durch die Reihen der Soldaten gegangen. Nicht alle der siegreichen Engländer waren damit einverstanden gewesen und sicher hatte sich manche drohende Faust in Richtung der abziehenden Überlebenden gereckt. Aber niemand hatte gewagt, die Entscheidung des Herzogs in Frage zu stellen. So eine Stätte für Gottesdienste aber hatten John und seine Kameraden noch nie gesehen. Davon mussten sie sofort dem Herzog berichten. John schien es, als wache er aus einem Traum auf. Er bemerkte, dass seine Kameraden wild gestikulierend durcheinander redeten. Offenbar waren sie sich nicht einig. „Ungewöhnliche Dinge, die wir dem Herzog melden sollten … sofort zurück.“, „Erst alles genau erkunden ...“ „Vielleicht gibt es hier einen gewaltigen Burgschatz, wenn schon dieser Raum so prächtig ist.“ „Über die Brücke, wozu ist sie denn sonst da?“ „Vielleicht ist in den Löchern etwas?“ Andrew ging zum Ufer und sah prüfend ins klare Wasser. Er schnupperte. Obwohl das Wasser stand, roch es nicht faulig. „Höchstens knietief“, rief er. „Habt Acht!“, riet John. „Wenn es in der Tat eine Falle ist?“ Andrew winkte ab, stapfte mit vorsichtigen Schritten in den Fluss und watete zu einem der vergitterten Löcher. Er hob die Fackel hoch, reckte den Hals und leuchtete hinein. „Was siehst du?“ fragte Walter. „Nichts, rein gar nichts!“, antwortete Andrew enttäuscht. “Nur ein 20


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