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Der Schatten des Erbfeinds

Wieder wandte er sich der kleinen Öffnung zu. Durch das Gitter sah er blauen Himmel. Hier irgendwo in der Nähe mussten die übrigen Soldaten des Herzogs sein. „Hilfe!“, schrie John. „Hilfe! Hier unten!“ Das Rauschen des ansteigenden Wassers verschluckte seine Rufe. Er schrie, bis er heiser war. Nichts. Schaudernd sah er nach unten. Das Wasser stieg unaufhaltsam weiter. Der Balkon unter ihm war nicht mehr zu sehen. Nur noch zwei Mannslängen trennten das dunkle Nass von ihm. Was würde Oliver wohl tun? John fiel etwas ein. Sein Bogen! Vielleicht gelang es ihm, Pfeile durch das Gitter zu schießen. Und vielleicht sah jemand die Pfeile fliegen. Mit zitternden Händen nahm John einen Pfeil, legte ihn auf die Sehne, spannte den Bogen und zielte. Doch musste er aufpassen, nicht auszurutschen. Und es war zu wenig Platz, um den Bogen stark spannen zu können. John konzentrierte sich. Er ließ die Sehne los und der Pfeil flog durch das Gitter. Keine Reaktion, kein Ruf. Er zwang sich, ruhig zu bleiben. Noch elf Pfeile. Der nächste traf das Gitter, prallte mit einem Klacken ab und verschwand im wirbelnden Wasser. John biss die Zähne zusammen. „Lieber Gott, hilf mir!“, murmelte er. Einen Pfeil um den anderen schoss er durch das Gitter, doch alle schienen ins Nirgendwo zu fliegen. Nichts rührte sich. Als kein Pfeil mehr übrig war, ließ er den Bogen sinken. Noch einmal versuchte er zu schreien, doch nur heiseres Krächzen drang aus seiner Kehle. Mit einem Mal dachte er, dass er hier sterben würde. Er würde elend ersaufen wie eine Katze. Zitternd versuchte er, sich zu beruhigen. Er kniff die Augen zusammen und zwang sich, nachzudenken. Vielleicht gab es noch einen Ausweg. John konnte seit seiner frühesten Kindheit, in der er im Dorfteich mit seinen Freunden gebadet hatte, schwimmen. Und nicht nur das. Er konnte sogar tauchen, tiefer als alle seine Kameraden. Während sie wieder prustend und schimpfend an die Oberfläche zurückkamen, weil der Schmerz in ihren Ohren unerträglich wurde, drückte er beim ersten Stechen mit Daumen und Zeigefinger seine Nasenflügel zusammen und blies Luft hinein, als wolle er schnäuzen. Zuverlässig knackte es dann jedesmal in den Ohren, der Schmerz war fort und er konnte größere Tiefen erreichen. 26


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