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Der Schatten des Erbfeinds

Diese Kunst hatte ihn einst, als er ein Knabe war, sein alter Oheim, ein vom Alter gebeugter, verschmitzter weißhaariger Fischer, gelehrt. John erinnerte sich an seine Worte: ‚Auch ich entdeckte dies, als einst mein Boot gekentert war und sank. Es war eine Fügung Gottes, John. Nie wäre ich aus dem sinkenden Wrack entkommen, hätte Gott mir nicht beigestanden. Übe fleißig und erzähle niemandem davon. Vielleicht vermag diese Kunst einst dein Leben zu retten so wie meines‘. Jetzt war dieser Moment gekommen. Vielleicht gab es noch einen Ausweg aus diesem nassen Grab. John drehte sich um und sah, dass das Wasser weiter gestiegen war und die Decke des Saales erreicht hatte. Gleich würde es seine Füße erreichen. Nur die schmale Nische, in der er sich befand und die oberhalb der Saaldecke lag, war trocken geblieben. Darunter aber musste der Saal zur Gänze geflutet sein. John warf den nutzlosen Bogen ins Wasser. Dann holte er tief Luft, flüsterte ein Stoßgebet und ließ sich ins kalte Nass gleiten. Die Kälte durchdrang seinen Körper und ließ ihn schaudern. Mit kräftigen Stößen tauchte er nach unten, presste wiederholt seine Nasenflügel zusammen und hielt immer wieder Ausschau, ob irgendwo ein Schimmer Lichts zu sehen war. Das Wasser brannte in seinen Augen. Es war Meerwasser! Alles war dunkel und die Atemnot wurde immer größer. Er machte kehrt. Wie kam er nur zurück? Er versuchte aufzutauchen, doch stieß sein Kopf an die Saaldecke. Kein Spaltbreit Luft zwischen Decke und Wasser! Verzweifelt schwamm John weiter. Da, da waren die Treppenstufen hinauf zum Turm! Japsend tauchte er in der Nische auf. Er hielt sich an dem schmalen Sims fest, auf dem er vorhin gestanden hatte und holte mühsam Luft. Zum Glück war das Wasser nicht weiter gestiegen. Nach einer kurzen Pause versuchte John es erneut. Auch diesmal war es vergebens. Doch noch gab er nicht auf. Ein ums andre Mal tauchte John in die Dunkelheit hinunter. Einmal vermeinte er einen Schatten zu sehen, der sich unweit von ihm im Wasser bewegte. Befand er sich geradewegs über der Kreuzigungsstätte und eine der Figuren trieb losgelöst im Wasser? In diesem Augenblick kam etwas von unten heraufgeschossen und sauste knapp vor seinem Gesicht vorbei nach oben. Es war ein langer hölzerner Stab mit einer eisernen Spitze, der sich, dem Auftrieb im Wasser folgend, seinen Weg zur Decke des Saales bahnte. Die Lanze des Longinus! Sie musste sich im Wirbel der Wasser gelöst haben. Vor Schreck blies John wertvolle Atemluft aus. Er vernahm ein seltsam deutliches Klacken, als das Holz irgendwo über ihm auf das Mauerwerk traf. Als John 27


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