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Der Schatten des Erbfeinds

umkehren wollte, sah er aus den Augenwinkeln einen roten Schimmer. Licht! Blitzschnell überlegte er. Seine Luft wurde knapp. Er würde es bis zu diesem Licht nicht schaffen, so wenig Luft, wie er noch hatte. Dann schwamm er, so schnell er konnte, zurück zum Turm. Seine Lunge brannte und sein Bauch zuckte krampfhaft, so sehr verlangte es ihn, zu atmen. Beinahe wäre ihm die Rückkehr nicht gelungen. Beim Auftauchen wurde er ohnmächtig. Er wäre wieder ins Wasser zurückgesunken, hätte sich nicht seine Weste in einer der Eisenspitzen des Simes verhakt. Nur einen Fingerbreit tiefer und seine Nase wäre ins Wasser getaucht. Unweigerlich wäre er ertrunken. Als er erwachte, erfüllte eigenartiges Dröhnen seine Ohren. Es schien, als heule in der Festung über ihm ein wütender Sturm. Es dauerte, bis er gewahrte, in welcher Lage er sich befand. Dann machte er sich mühsam von der Eisenspitze los. Er schüttelte den Kopf. Das Dröhnen hielt unvermindert an. Was war das nur? Ein Feuersturm? Stand die Festung in Flammen? Doch wollte der Herzog sie nicht als neues Hauptquartier nutzen? John, der am ganzen Körper vor Kälte zitterte, schalt sich wegen dieser unnützen Fragerei. Jetzt ging es ums Überleben. Er wusste, seine Kräfte gingen unweigerlich zur Neige. Ein letzter Versuch. Ein letzter Versuch, das rote Licht zu erreichen, das auf der anderen Seite des Saales so verführerisch schimmerte. Wenn es ihm diesmal nicht gelang, war alles vergebens. John schlug das Kreuz und flehte mit vor Kälte zitternden Lippen den HERRN um Beistand an. Dann konzentrierte er sich, holte tief Luft und tauchte ab. Nach scheinbar unendlich langer Dauer sah er wieder den rötlichen Schimmer. Und wieder glaubte er, dass sich in seiner Nähe etwas bewegte. John zwang sich, auf das rote Licht zuzuhalten. Seine Lunge schmerzte erneut. Unerträglich schien es ihm. Der Drang nach Atemluft wurde immer stärker. Plötzlich spürte er einen Widerstand. Etwas hatte sich in seinem Gürtel verfangen. Er wandte den Kopf. Als er bemerkte, was da an ihm hing, überkam ihn würgendes Entsetzen. Der zerschmetterte Körper von William Slocombe trieb in dem dunklen Nass neben ihm her. Seine kalten Finger hatten sich in Johns Gürtel gehakt. Den bleichen Kopf im Nacken, starrten die blicklosen Augen in Johns Gesicht. Von Grauen geschüttelt, versuchte John, Williams Finger aus seinem Gürtel zu lösen. Vergeblich. 28


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